Serie vs. Realität: Die Dinge in „Bridgerton“ sind frei erfunden

„Bridgerton“ orientiert sich zwar an der Regency-Ära, jedoch wurden viele Dinge absichtlich verändert, weggelassen oder hinzugefügt.

Penelope und Collin in der zweiten Staffel von "Bridgerton".
Quelle: IMAGO / Landmark Media

Der Netflix-Erfolg „Bridgerton“ konnte sich seit Staffel eins großer Popularität erfreuen. Die Serie spielt in der Regency-Ära, was eine kurze Periode im 19. Jahrhundert ist (1811-1820), in der sich in Sachen Mode, Architektur und Style einiges verändert hat. Die Klatsch- und Tratschgeschichten des 19. Jahrhunderts fesseln viele Netflix-Nutzer*innen. „Bridgerton“ orientiert sich stark an der Realität der damaligen Zeit, wobei  einige Aspekte allerdings absichtlich anders präsentiert werden als sie früher waren. Mode, Hochzeit und Lady Whistledown: Was in der Netflix-Serie frei erfunden ist, erfährst du im folgenden Artikel.


Warum die Geschichte von König George noch trauriger ist, als in „Bridgerton“ dargestellt: 

Königin Charlotte konnte leider niemals das Königreich regieren.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#1 Königin Charlotte

Auch wenn Königin Charlotte und König George die echten Namen der damaligen Regentschaftsmitglieder*innen tragen, sah die Führung des Königreichs damals anders aus. König George wurde zwar auch in Wirklichkeit krank, jedoch waren seine Zustände wesentlich schlimmer als in der Serie gezeigt. Der König litt an der seltenen Blutkrankheit „Porphyrie“, wodurch er oft vor allem körperlich krank wurde. Außerdem wird angenommen, dass der König an Depressionen und einer bipolaren Störung litt, wodurch es ihm unmöglich wurde, das Königreich zu regieren. Im Gegensatz zur Serie nahm aber nicht Königin Charlotte seinen Platz ein, sondern ihr gemeinsamer Sohn George IV. Dieser war aber vorerst nur Prinzregent, das heißt, er übernahm alle königlichen Aufgaben, ohne den Königstitel zu tragen.

Auch die Farben waren in Wirklichkeit anders als in der Serie:

Penelope in ihrem dunkelgrünen Ballkleid repräsentiert nicht die eigentliche Epoche.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#2 Farbpalette

Die Farben in „Bridgerton“ sind vielfältig und bunt. Jede Familie hat ihre eigenen Farbnuancen, die ihren Charakter sowie ihre Werte darstellen. Die Featheringtons werden als „Versace-Familie“ gezeigt und tragen knallige Zitrustöne und prunkvolle, goldenen Verzierungen. Das soll widerspiegeln, wie sehr der Mutter die Wirkung und Präsenz in der Gesellschaft am Herzen liegt. Diese knalligen Töne waren aber in der Realität kaum zu sehen. Die Farben wurden immer sehr dezent gehalten. Dabei wurde besonders auf Weiß, Hellrosa, Hellblau, Hellgrün oder andere Pastelltöne zurückgegriffen.

Francesca wäre in Realität niemals das Juwel der Saison geworden.

Die Königin wählt Francesca zum "Juwel der Saison".
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#3 Juwel der Saison

Königin Charlotte wählt in der Netflix-Serie das Juwel der Saison: eine junge, hübsche Debütantin, die sie beeindruckt. In der dritten Staffel ist es Francesca, weil sie es genoss, ganz für sich alleine auf dem Klavier zu spielen, ohne die Königin beeindrucken zu wollen. Doch machte sich die zu der Zeit wichtigste Person Englands die Mühe, sich alle Damen der Saison anzuschauen? In England war der Heiratsmarkt sehr groß und daher gab es besonders viele Damen, die hätten begutachtet werden müssen. Diese Zeit und Mühe konnte damals aber keiner aufbringen. Ein Juwel der Saison wurde also von der Königin nicht gewählt.

Auch in der Mode verändern die Designer ein wichtiges Merkmal.

Auf Hauben verzichten die Macher von Bridgerton absichtlich.
Quelle: IMAGO / Heritage Images

#4 Fehlende Kopfbedeckungen

Kopfbedeckungen fehlen bei den Damen in der Serie gänzlich. Die Frauen werden zwar immer mit aufwendigen, hochgesteckten Frisuren gezeigt, allerdings waren extravagante Kopfbedeckungen für die Zeit damals sehr typisch. In „Bridgerton“ wurde darauf absichtlich komplett verzichtet. Der Grund dafür ist nicht klar, jedoch kann man annehmen, dass die Charaktere ohne diese Hauben moderner wirken und sich die Zuschauer*innen somit mehr mit der Geschichte identifizieren können.

Wenn Eloise Teil der echten Regency-Ära gewesen wäre, hätte sie sich deutlich einschränken müssen.

Eloise als Vertreterin für Feminismus in Bridgerton.
Quelle: IMAGO / Picturelux

#5 Feministische Glaubenssätze

Eloise vertritt vor allem in der ersten Staffel Glaubenssätze, die in eine feministische Richtung gehen. Sie liest gerne, bildet sich weiter und ist wenig am Heiratsmarkt und den Sitten der Gesellschaft interessiert. Diese Überzeugungen waren damals aber alles andere als üblich. Frauen hatten in der Regency-Ära einzig und allein die Aufgabe zu heiraten und Nachkommen zu zeugen. Dabei wurde besonders viel Wert darauf gelegt, möglichst viele männliche Nachkommen in die Welt zu setzen. Allein das repräsentiert den Wert und die Aufgaben der Frau in der damaligen Zeit ganz gut. Selbstbestimmung und Bildung waren keine der Aufgaben der Frau.

So glücklich wie in „Bridgerton“ waren die Paare in Wirklichkeit nicht ...

Eine Liebesheirat, wie zwischen Anthony und Kate, war eine Seltenheit.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#6 Liebesheirat

In der Serie werden beide Seiten vertreten: Liebesheirat und die arrangierte Hochzeit. Jedoch wird die Liebesheirat in „Bridgerton“ besonders viel thematisiert und hat dementsprechend einen hohen Stellenwert. Im 19. Jahrhundert war das aber äußerst selten. Fast immer wurde der passende Partner oder die passende Partnerin vom Vater ausgesucht. Zwischen den Vätern beider Familien wurde dann viel verhandelt, sodass es am Ende nur der Verdienst der Väter war, wer wen heiratete. Dabei lag nicht im Fokus, mit wem die Tochter oder der Sohn am glücklichsten werden würde. Das einzige Ziel war es, in einen möglichst hohen Stand einzuheiraten. Dabei blieb die Liebe meistens auf der Strecke.

Die Hautfarbe spielte damals, im Gegensatz zur Serie, eine große Rolle.

Schwarze Menschen wurden damals in der Gesellschaft nicht anerkannt.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#7 People of Color in der Gesellschaft

Was „Bridgerton“ anders darstellt, als es in Wirklichkeit war, ist die Inklusion von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Früher war es undenkbar, dass eine Königin mit dunkler Hautfarbe das Land regiert. Rassismus war zu der Zeit leider Normalität. Doch auch heute noch wäre das ein Tabu im britischen Adel. Die Gesellschaft im 19. Jahrhundert war voll von rassistischen Strukturen, weshalb Menschen mit dunkler Hautfarbe als minderwertig angesehen wurden. Auch wenn die Darstellung in „Bridgerton“ nicht der damaligen Zeit entspricht, sollte klar sein, dass eine Serie, die heute ausgestrahlt wird, auch den Werten von heute gerecht werden sollte. Genau das erreicht „Bridgerton“ mit diesem Cast.

Das folgende Accessoire war in Bridgerton kein einziges Mal zu sehen.

Das Ridikül wurde im 19. Jahrhundert als Tasche von den Damen getragen.
Quelle: IMAGO / Heritage Images

#8 Ridikül, statt moderner Handtaschen

Handtaschen sind in „Bridgerton“ selten zu sehen. Wenn aber doch, dann sehen sie im Vergleich zu den Handtaschen, die damals wirklich getragen wurden, recht modern aus. Einige der in der Serie gezeigten Taschen sind laut den Designern mit einem 3D-Drucker erstellt worden. Auch der Stil erinnert sehr an die Formen von modernen Taschen. Früher wurde jedoch das sogenannte „Ridikül“ getragen. Es ist ein Stoffbeutel, dessen Henkel gleichzeitig dazu dienen, die Tasche zuschnüren zu können. Auf diese Art von Tasche haben die Designer absichtlich verzichtet, da sie ihnen nicht gefallen hat und der moderne Touch sonst fehlen würde.

So wurde früher Klatsch und Tratsch verbreitet:

Lady Whistledown ist zumindest nicht komplett erfunden.
Quelle: IMAGO / ZUMA Press

#9 Lady Whistledown

Der Name „Lady Whistledown“ ist zwar erfunden, jedoch gab es durchaus mehrere Zeitschriften, die über die eigentlich privaten Angelegenheiten der Gesellschaft berichtet haben. Der Unterschied zur Serie besteht darin, dass in Wirklichkeit keine Namen genannt wurden. Wenn über bestimmte Personen geschrieben wurde, dann wurde der Text so formuliert, dass keine Namen genannt werden mussten, damit die Leser*innen wussten, um wen es geht. Damals kannten sich sowieso alle gegenseitig, wodurch diese Texte leicht verständlich für jeden waren. Namen waren also überflüssig.

Dieses Detail an Colin Bridgerton entspricht nicht der Epoche.

Bei Colin Bridgerton wollen die Designer eine ganz bestimmte Wirkung erzielen.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#10 Die Kleidung von Colin Bridgerton

Obwohl zu der Zeit, in der „Bridgerton“ spielt, viele edle Stoffe für die Kleidung verwendet wurden, verfolgten die Designer*innen bei Colin eine andere Richtung. Da die Stoffe, Farben und Schnitte den jeweiligen Charakter der Figuren widerspiegeln sollen, mussten bei Colin andere Stoffe und Accessoires zum Einsatz kommen. Sein Charakter soll tough, freiheitsliebend und sogar etwas gefährlich wirken. Die Designer*innen möchten, dass er an einen Cowboy erinnert. Diese Eigenschaften unterstreichen sie mithilfe von Jeansstoffen für seine Mäntel. Auch andere Oberteile von ihm sind aus eher rauen Stoffen gefertigt. Sein Gürtel ist für diese Zeit ebenfalls untypisch. Gürtel wurden so gut wie gar nicht getragen, doch bei Colin sollte er die Cowboy-Ästhetik der Figur unterstützen.

Beim Thema Freizügigkeit gibt es auch einige Unterschiede zur Realität.

Hier ist ein britisches Chemisette zu sehen, das als Bedeckung des Dekolletés diente.
Quelle: IMAGO / piemags

#11 Freizügigkeit

In der Serie sieht man die Damen mit sehr feminin geschnittenen Kleidern. Diese zeigen recht viel Dekolleté, was definitiv zu den Modernisierungsmaßnahmen der Designer*innen zählt. Heutzutage würden die meisten so ein Dekolleté in der Freizeit als normal empfinden. So schön der Schnitt der Kleider über der Brust auch ist, in Wirklichkeit hätte man eine Dame tagsüber nie mit so viel freier Haut gesehen. Das wurde schlichtweg nicht von der Gesellschaft akzeptiert. Stattdessen wurde eine sogenannte „Chemisette“ unter dem Kleid getragen, um die Brust zu bedecken. Abends, beispielsweise auf dem Ball, durfte jedoch ein bisschen mehr Haut gezeigt werden.

Gab es wirklich so viel heimliches Techtelmechtel?

So normal, wie bei Kate und Anthony, war das uneheliche Liebesspiel früher nicht.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#12 Vor der Ehe miteinander die Nacht verbringen

In „Bridgerton“ sieht man öfter Szenen, wie bei Kate und Anthony: Zwei Verliebte, die nicht bis zur Ehe warten können und sich gegenseitig die Kleider vom Leib reißen. Doch war das damals überhaupt möglich? Hier muss erst einmal zwischen Männern und Frauen unterschieden werden. Für Männer war es ganz normal, beispielsweise Prostituierte aufzusuchen und mit ihnen die Nacht zu verbringen. Schwierig wurde es nur, wenn sie diese dann heiraten wollten. Denn dann wäre der Mann aus der Gesellschaft ausgestoßen worden. Frauen hingegen hatten es da noch schwerer. Da die Verhütungsmethoden damals nicht so fortgeschritten waren wie heute, konnten die Damen recht schnell schwanger werden. Wenn dann herauskam, dass sie ein uneheliches Kind erwarteten, bedeutete das für sie ebenfalls den gesellschaftlichen Ruin. Die einzige Lösung war dann, möglichst schnell einen Mann zu heiraten. Falls das gelang, war dieser oft von niedrigerem Stand. Die Suizidrate war bei Frauen mit unehelichem Kind besonders hoch, da in dieser Lage die Aussicht auf einen Partner gering war.

Folgende Aspekte waren in der Männermode früher anders:

Schwarze, weite Hosen waren bei den Herren unüblich.
Quelle: IMAGO / Landmark Media

#13 Männermode

Zwar erinnert die Mode der Herren auf den ersten Blick sehr an das 19. Jahrhundert, jedoch täuscht dieser Eindruck etwas. Die Designer*innen haben beispielsweise bei den Hosen oft dunkle Töne verwendet. Stattdessen wurden zu der Zeit viele helle Farben von den Männern getragen. Auch der Schnitt wurde für die Serie recht modern gehalten. Damals waren die Unterteile hingegen eher von enger Passform. Ein wichtiges Detail fehlt in „Bridgerton“ jedoch komplett: Der Spazierstock war ein wichtiges Accessoire bei der Männermode. Er galt als Statussymbol und wurde unter anderem dazu verwendet, Bettler*innen abzuwehren.
 

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